Ohne Lärm oder Abgase - Fahrradfahren in Karlsruhe
Seit nunmehr sieben Jahren unterstützt die Stadt Karlsruhe das Radfahren mit einem 20- Punkte-Programm intensiv und systematisch. Vorrangig gehören dazu Investitionen in die Verkehrs-Infrastruktur für Radler: Eine Fahrradstation am Karlsruher Hauptbahnhof, das Fahrrad- Leihsystem „Call a Bike“ sowie speziell für Radler ausgewiesene Fahrspuren oder Wege samt Ampelanlagen. Vom konventionellen Radweg jenseits des Bordsteins, entlang der Gehsteige, ist man abgekommen. Dieser Wegetyp hat sich als zu gefährlich und zu verwirrend erwiesen. Stattdessen wurden viele Radwege als Fahrradstreifen oder Schutzstreifen entlang der Autostraßenfahrbahn ausgeführt. Auf diese Weise werden die Radler von abbiegenden Autofahrern nicht so leicht übersehen. Und es kommt zu weniger Konflikten mit Fußgängern. Zum 20-Punkte-Programm gehört aber auch ein Sinneswandel pro Fahrrad. Mit Kampagnen wie 2009 unter dem Motto „Kopf an – Motor aus“ soll deutlich gemacht werden, dass Radfahren ökologisch sinnvoll ist und, dass es gesundheitlich für Fitness und Sportsgeist hochwertige Lebensqualität bietet. Im Jahr 2002 betrug laut Verkehrsstatistik der Anteil der Radler in Karlsruhe 16 Prozent. Das verkehrspolitische Ziel lautet: Bis 2015 soll sich der Radleranteil auf 23 Prozent erhöht haben.
Viele Jahrzehnte wurde nichts gemacht. Denn Radfahren war in Karlsruhe lange Zeit schlichtweg Nebenthema. Sei es, weil zu wenig Menschen den Drahtesel als ernsthaftes Fortbewegungsmittel für den Alltag nutzten, sei es, weil die Karlsruher Radwege ein unkompliziertes und flinkes Vorwärtskommen unmöglich machten. Seit 2005 hat sich das gewandelt. Karlsruhe beschloss damals, in Süddeutschland „Fahrradstadt Nummer eins“ zu werden. „Seitdem hat sich die Verkehrsinfrastruktur für Radfahrer sehr verbessert. Aber es gibt immer noch viel zu tun“, sagt Christian Büttner, Geschäftsführer des adfc Karlsruhe. Nicht alles, was in der Vergangenheit radlerfreundlich aussah, war es auch tatsächlich. Groteske und unnütze Radwegsituationen findet man auch heute noch zur Genüge in der Stadt. Da gibt es Radwege, die abrupt im Nirgendwo zwischen Grünstreifen oder Straßengraben enden. Oder aber man hat an Kreuzungen Signalanlagen, an denen man früher oder später mit Fußgängern kollidiert, weil sie auf der gleichen Querungsfläche passieren.
„Wichtig ist, dass die alten begleitenden Radwege zu neuen Radstreifen umgebaut werden“, sagt Christian Büttner. Radler sollen nämlich auf Schutzstreifen der Straße, neben dem Kraftfahrzeug- Verkehr, unterwegs sein. Dort sind sie für alle Verkehrsteilnehmer deutlich sichtbar, was bei vielen älteren begleitenden Radwegen nicht der Fall ist. Vor allem droht dort oft die Gefahr, dass Radler von abbiegenden PKW und LKW übersehen werden. Gut sei deshalb, dass die Benutzungspflicht der alten Radwege an vielen Stellen aufgehoben wird, meint die Vorsitzende des Karlsruher adfc, Isabelle Bohnert. Da müsse man verkehrspolitisch gar nicht viel investieren. Büttner: „Es reicht oft, einfach das blaue Verkehrsschild wieder zu demontieren.“ Hier sei Karlsruhe aber auf einem guten Weg. Radfahrer verhalten sich anders als Autofahrer. Zum Beispiel befahren sie die alten begleitenden Radwege häufig in der falschen Richtung. „Das scheint irgendwie verlockend zu sein und führt immer wieder zu Unfällen“, sagt Büttner.
Bei den Schutzstreifen auf der Straße hingegen kommt dieses Geisterfahren nicht vor. Ist der weiße Trennstrich zwischen Fahrbahn und Schutzstreifen durchgezogen, darf das Auto die Fahrradspur nicht befahren. Ist die Trennlinie gestrichelt, darf das Auto die Fahrradspur befahren, muss sie jedoch verlassen, wenn ein Radler dort unterwegs ist. Bei gestrichelter Linie dürfen die Autos auch auf dem Schutzstreifen halten. Parken jedoch ist verboten. Weil die Karlsruher Straßenbreiten nur selten Platz für Autos, Radler und Fußgänger gleichermaßen bieten, hat sich das Einrichten jener Schutzstreifen als die bewährteste Verkehrstaktik erwiesen, hinter der nach anfänglicher Skepsis auch der adfc steht. „Umstritten waren die Schutzstreifen in Mühlburg auf der Rheinstraße“, so Büttner. Dort verläuft der Autoverkehr auf je zwei Fahrspuren in beiden Richtungen. „Seit Einrichtung der Schutzstreifen hat Mühlburg dort aber sichtbar mehr Radfahrer“, so Büttner.
Als positv bewertet man beim adfc die Verkehrspolitik in der Weststadt, wo die Ausschreibung der Sophienstraße als Fahrradstraße die Autos zur absoluten Rücksichtnahme zwingt. Notfalls müssen sie der Radler wegen Schritttempo fahren oder stoppen. „Noch besser wäre es, wenn Radfahrer auch noch Vorfahrt an den Kreuzungen der Sophienstraße eingeräumt bekämen“, sagt Büttner. Derzeit gilt rechts vor links. Das führt nicht selten zu Verunsicherungen.
Zur Psyche und zum typischen Verkehrsverhalten des Radlers gehört, dass er innerstädtisch am schnellsten vorankommen will (und ja auch tatsächlich am schnellsten ist). Große Umwege sind dem Fahrradfahrer daher nicht zuzumuten. Karlsruhe hat – zum Beispiel in der Südstadt – viele Einbahnstraßen für Radfahrer in beide Richtungen geöffnet. Auch hier ergeben sich wegen „rechts-vor-links“ häufig gefährliche Situationen. Wer denkt als Autofahrer daran, dass aus der Einbahnstraße jemand kommen kann, der zudem noch Vorfahrt hat? Erstaunlicherweise werden trotz dieser Gefahren kaum Unfälle aus diesen Straßen gemeldet.
Um Fahrradstadt Nummer eins zu werden, müsste Karlsruhe bis 2015 dennoch einiges mehr leisten. Es fehlt an Fahrradabstellanlagen. Die vorhandenen rund 1.500 Plätze sind zu wenig. „Auch touristisch müsste die Stadt mehr werben“, sagt Isabelle Bohnert. Karlsruhe liegt in der Rheinebene, ist damit flach und hat eine traumhafte Umgebung, die per Radfernwege recht gut erschlossen ist. „Das sind ideale Bedingungen, von denen man auswärts oft nichts weiß.“ Auch innerstädtisch sollte Radfahren noch populärer werden. Es verursacht weder Lärm noch Abgase. Für Anwohner im Stadtgebiet eigentlich ein unschlagbares Argument pro Fahrrad.
Sven Scherz-Schade











